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Morphologie und Lebensgeschichte, sowie Temperaturabhängigkeit der Verbreitung und des jahreszeitlichen Auftretens vonBougainvillia superciliaris (L. Agassiz) (Athecatae-Anthomedusae)

  • Bernhard Werner1
Helgoländer wissenschaftliche Meeresuntersuchungen7:BF01880277

https://doi.org/10.1007/BF01880277

Zusammenfassung

1. Geschlechtsreife Medusen vonBougainvillia superciliaris aus Planktonfängen wurden im Laboratorium zur Fortpflanzung gebracht. Die Weibchen können mehrmals nacheinander ablaichen.

2. Die sich am Manubrium der weiblichen Medusen entwickelnden Planulae hefteten sich nach der Ablösung am Boden der Kulturschalen an und entwickelten sich zu Polypen, die sich verzweigten und stoloniale Kolonien bildeten.

3. Die Morphologie des Einzelpolypen und der Kolonie wird beschrieben.

4. Die Kolonien bildeten Medusenknospen, so daß die Entwicklung der Medusen untersucht und ihr Ausbildungsstand bei der Ablösung beschrieben werden konnten.

5. Die Nesselzellausstattung des Polypen und der Meduse wird beschrieben. Beide Generationen besitzen zwei Nesselkapseltypen, Desmoneme und mikrobasische heterotriche Eurytele.

6. Die Zahl der Chromosomen beträgt 2n = 30.

7. Die Verbreitung wird nach den aus der Literatur bekannten Fundorten beschrieben.B. superciliaris ist eine circumpolare arktisch-boreale Form. Im europäischen Raum liegt die südliche Verbreitungsgrenze in der südlichen Nordsee.

8. Im südlichen Grenzgebiet ist die Meduse in ihrem zeitlichen Auftreten und ihrer Fortpflanzung an die kalte Jahreszeit gebunden und ist auf den Winter und das zeitige Frühjahr beschränkt. Sie erscheint im Januar, wird im März bis April geschlechtsreif und verschwindet vollständig im Mai/Juni. Im arktischen Hauptverbreitungsgebiet ist die Meduse eine reine Sommerform.

9. Der Polyp wurde in der südlichen Nordsee im Freien noch nicht gefunden. Nach den Beobachtungen an den Kulturen im Laboratorium ist er in der vegetativen Phase temperaturresistent genug, um die für ihn in diesem Gebiet kritischen hohen Temperaturen der warmen Jahreszeit zu überdauern. Zu ausreichendem Wachstum ist der Polyp nur bei Temperaturen unter 15° C befähigt. Die Bildung der Medusenknospen ist an fallende Temperaturen unterhalb einer oberen kritischen Grenze von ca. 7–5° C gebunden, so daß der Polyp propagativ stenotherm ist.

10. Die Kulturversuche machen wahrscheinlich, daß der Polyp in der Deutschen Bucht ausreichende Lebens- und Fortpflanzungsbedingungen findet. Daher ist zu vermuten, daß die hier im Winter und Frühjahr regelmäßig, aber nicht häufig auftretenden Medusen im Gebiet selbst erzeugt werden.

11. Die Temperaturabhängigkeit des jahreszeitlichen Auftretens, der Verbreitung und Fortpflanzung der Meduse, die nach den aus der Literatur bekannten Daten zu vermuten war, wird durch die Kulturversuche bestätigt.

12. Zu dem gleichen Ergebnis führt der Vergleich des jahreszeitlichen Auftretens, der Verbreitung und der aus den Kulturversuchen ermittelten Temperaturansprüche vonB. superciliaris und der verwandten metagenetischen FormRathkea octopunctata M. Sars. Der Vergleich zeigt insbesondere, daß die Grenzen der Verbreitungsareale von den artspezifischen Temperaturansprüchen des Polypen hinsichtlich des Vorgangs der Medusenknospung bestimmt werden.

13. Die allgemeine Bedeutung des Temperaturfaktors für die Entwicklung und Fortpflanzung der metagenetischen Hydrozoen wird diskutiert. Für ihre Auslösung spielt vielfach besonders auch die Tendenz und Änderungsgeschwindigkeit der Temperatur eine Rolle. Nach den Temperaturansprüchen lassen sich im europäischen Borealbereich folgende Gruppen unterscheiden:
  1. a)

    Arten, bei denen die propagativ stenothermen Polypen bei fallenden Temperaturen Medusenknospen bilden. Die Medusen erscheinen im Plankton der kalten Jahreszeit (Herbst-Winter-Frühjahr);

     
  2. b)

    Arten, bei denen die propagativ stenothermen Polypen bei steigenden Temperaturen Knospen erzeugen. Die Medusen erscheinen im Plankton vom Frühjahr und Sommer bis Herbst. Zu dieser Gruppe gehört die Mehrzahl der bei uns vorkommenden Arten;

     
  3. c)

    Eurytherme Arten, deren Medusen den größten Teil des Jahres im Plankton vorhanden sind. Zu dieser Gruppe gehören nur wenige Arten.

     

Notes

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